Wie viel Mitsprache hat dein Pferd?

Ich nenne mich Tierkommunikatorin und behaupte, dass ich meinem Pferd stets zuhöre und auf seine Bedürfnisse eingehe. Doch es gibt diese Momente, wo Mira plötzlich störrisch stehen bleibt und ich mich frage, ob nicht vielleicht – nur ein ganz klein wenig – Druck oder Strenge angebracht wäre. Schade ich damit unserem Verhältnis? Widerspreche ich mir damit selbst? Vielleicht gibt es keine eindeutige Antwort darauf, doch hier ein paar meiner Gedanken:

Seit Montag bin ich so richtig verliebt. Okay, ich war es vorher schon, aber nun noch mehr. Meine Stute Mira, die bis vor Kurzem gar nicht mit mir allein die Koppel verließ und wo selbst meine Trainerin bis vor wenigen Wochen nicht ans Aufsteigen dachte, ist doch tatsächlich super ruhig und entspannt und – wie man mir versicherte – auch stolz mit mir auf dem Rücken ihre Bahnen gezogen. Das ging natürlich nicht von heute auf morgen. Wochenlange Bodenarbeit ging voraus. Dann habe ich mit der Aufstiegshilfe begonnen, mich ihrem Rücken zu nähern. Und Montag nun die erste Reitstunde: Mit Knotenhalfter und Sattelpad. Ich war aufgeregt, angespannt, nervös. Die besten Voraussetzungen um all das auf mein sensibles Pferd zu übertragen. Aber nein, sie war einfach so toll, dass ich noch unzählige Zeilen weiter von ihr schwärmen könnte.

Und dann kam der heutige Tag, Donnerstag. Ich hole Mira von der Weide. Sie kommt mir auch gleich entgegen. Mein Herz geht auf. Wir stiefeln los Richtung Stall und dann – STEHT sie. Am Ende des Zaunes, wo es also offensichtlich von den anderen weg geht, möchte meine Stute nicht weiter. Ich versuche es freundlich und aufmunternd, schwinge auch ein wenig den Strick, das hat schon öfters geholfen. Mira beschließt eine ihrer früheren Kürübungen zu vollführen: Sie geht – rückwärts.

Ich bleibe stehen, mustere meinen hübschen Fuchs. Warte geduldig ein paar Momente. Ich versuche es noch einige Male mit dem Ergebnis, dass sie den Rückwärtsgang einlegt oder wie ein Maultier steht. Langsam spüre ich, wie sich ein leises Gefühl in meinen Bauch schleicht: Wut. Diese sture Kuh! Ich grüble. Wie viel Druck soll ich ihr machen? Was ist noch gesund für unsere Beziehung? Hat das was mit mir zu tun? Aber mir geht es gut, ich hab meditiert, bringe eigentlich keine blöden Gefühle mit – im Gegenteil. Dann übermannt mich die nächste Emotion: Enttäuschung. Wir haben begonnen zu reiten, sie findet es blöd. So blöd, dass sie nicht mehr mit mir kommen möchte. Wie soll ich es nur jemals schaffen, dass dieses Pferd Freude an etwas findet? Am Ende siegt mein eigener Dickkopf und mit der Gerte touchierend schaffe ich es irgendwann, dass Mira doch mir mir kommt.

Am Reitplatz denke ich: Okay, lass uns tun, was dir gefällt. Ich mache den Strick los. Mein Pferd rast los. Wie eine Wilde im Galopp. Sie buckelt und rennt. Ich verliere jegliche Kontrolle über meine Einschätzungsgabe. Ich bin emotional zu stark involviert, was dieses Pferd angeht. Bei meinen Kunden hätte ich mit Souveränität geglänzt. Davon ist jetzt keine Spur mehr auffindbar. Ich schwanke zwischen: „Okay, vielleicht hat sie gerade Spaß“ und „Sie rennt einfach panisch durch die Gegend“. Immerhin schafft sie es zwischendurch zweimal zu mir in die Mitte, um sich ein Leckerli zu holen. Ich schaue mir das Ganze eine Weile an, dann fange ich den Fuchs ein. Am Strick wird sie sofort wieder ruhiger. Ich beginne im Schritt umher zu gehen und innerhalb weniger Minuten habe ich mein Pferd der vergangenen Tage wieder. Gelassen trottet sie hinter mir her, ist aufmerskam, macht Seitengänge, Hinterhandwendungen und um was ich sie sonst noch so bitte. Wir beenden unser Training mit einem guten Gefühl und gehen tiefenentspannt zur Wiese zurück.

Der heutige Tag ruft mir einmal mehr vor Augen, dass auch unsere Tiere nicht jeden Tag die gleiche Form haben. Sie sind individuell und manchmal auch launisch oder stur. Gern würde ich Mira immer nur das machen lassen, was sie von sich aus zulässt. Doch sie hat viele schlechte Erfahrungen gemacht und manchmal zwinge ich sie sanft, zu ihrem eigenen Wohl, irgendwelche Dinge zu tun. Etwa die Augensalbe ins Auge zu lassen oder eben auch Training. Dabei geht es nämlich nicht in erster Linie darum, dass ich heute was arbeiten wollte, sondern darum, dass es ihrer Muskulatur und ihrem gesamten Wohlbefinden gut tut.

Gleichzeitig möchte ich stets offen bleiben für Miras Bedürfnisse. Würde sich ihr Verhalten von heute dauerhaft zeigen, möchte ich den Fehler als erstes bei mir suchen. Bringe ich Wut oder andere Stimmungen mit, warum sie mir heute nicht so vertraut, dass sie mit mir gehen möchte?

Ich möchte neugierig bleiben: Was können wir noch ausprobieren, was meinem Pferd Spaß bereiten könnte?

Ich möchte stets hinterfragen, warum mein Pferd etwas tut. Vielleicht hat es Schmerzen oder es gab irgendwelche Ereignisse auf der Weide, von denen ich gar nichts weiß?!

In Miras Fall habe ich heute im Nachhinein die Tierkommunikation genutzt, um etwas Licht in die Sache zu bekommen. Dabei habe ich erfahren, dass es nichts mit mir zu tun hatte, sondern eher mit ihrer tief in ihr wohnenden Angst, die immer mal wieder hoch kommt. Reiten war in der Vergangenheit nicht mit schönen Erinnerungen für sie verbunden, so wie das ganze Zusammensein mit dem Menschen. Oft, wenn wir Dinge verändern oder Neues anpacken, bricht sich bei Mira erst noch mal ein altes Muster Bahn. Dann vergisst sie, dass sie jetzt bei mir ist und handelt eher ungewollt unkontrolliert.

Meine Lösungen für solche Momente sind vor allem eins: Geduld, Ruhe und Herz. Ein Pferd meiner Kundin sagte mal, dass sie keine Angst zu haben brauche, etwas falsch zu machen. Denn solange sie es mit dem Herzen tue, könne es keinen bleibenden Schaden anrichten.

Unterstützend arbeite ich mit den Methoden, die ich gelernt habe. Wenn es schnell gehen muss zum Beispiel ein Tropfen des ätherischen Öles Weihrauch oder eine passende Bachblütenmischung.

Dabei ist eines für mich ganz klar: Unabhängig davon, ob ich Homöopathie, Kräuter, Öle, Akupunktur oder was auch immer einsetze, der Umgang mit meinem Pferd wird doch stets im Vordergrund bleiben! Wir unterschätzen zu gerne, wie viel Medizin in uns selber steckt und wie viel wir mit unserem Sein wirken können, wenn wir es zulassen.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen noch eine wunderbare und friedvolle Woche mit euren Vierbeinern.

Eure Anabell

 

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