Wie Miras Tod mir Heilung brachte

Eine Woche ist nun vergangen seit sie nicht mehr in der physischen Welt bei mir ist. Ihr Körper fehlt, doch ansonsten scheint sie dafür umso präsenter. In meinen Gedanken, meinem Herzen und in meinen Träumen ist meine Stute Mira noch immer da, jeden Tag, jede Stunde.

Es geht mir soweit gut und manchmal bin ich überrascht, wie wenig Tränen ich vergossen habe. Seit ihrem letzten Atemzug, seit ich wahrgenommen habe, dass wirklich nur noch ihre Hülle dort lag, kam keine einzige Träne mehr. Dabei bin ich unendlich traurig. Ich spüre aber auch, dass es die richtige Entscheidung war und, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, ist da auch ein Stück Erleichterung.

Das klingt komisch, selbst in meinen Ohren. Mira hat in ihren letzten zwei Wochen auf dieser Erde noch mal alles gegeben, um mich wachsen und ein Stück heil werden zu lassen. Ich will versuchen niederzuschreiben, was geschehen ist.

Mira hatte ein schlechtes Jahr 2018. Zwei große Verletzungen innerhalb von 8 Wochen. Über den Sommer war dann zwar Ruhe, doch irgendwie fand sie nicht in ihre Kraft zurück. Sie wirkte permanent sehr müde. Im Oktober ging es dann wieder los. Ein dickes Bein, das sich nach einigen Wochen als eitriger Abszess entpuppte. Sie schien noch mehr abzunehmen. Ich tat, was ich konnte. Nahrungsergänzung, Pflanzenheilkunde, Eindecken über den Winter, die dreifache Futtermenge an Kraft- und Raufutter, Zahnarzt – nichts zeigte wirklich Wirkung.

Ich sagte mir oft, dass ich ab Mai wieder mehr für ihren Muskelaufbau tun könne, weil mein Sohn dann zur Tagesmutter ginge. Doch als der Mai kam, hatte ich plötzlich ein sehr ungutes Gefühl, wenn ich mein Pferd betrachtete. Neben der Müdigkeit schien sie zunehmend Schmerzen in den Beinen zu haben. Ich versuchte mit Tierkommunikation herauszufinden, was ich noch tun könne. Meistens, wenn ich das tat, erhielt ich von ihr ein: „Alles ist gut.“ Und dann erzählte sie meistens, wie ich mein Leben außerhalb des Stalles gestalten solle.

Dieses Mal jedoch bekam ich ein Gefühl von „Ich will nicht mehr“. Ich war erschrocken, fragte mich jedoch, ob es nicht vielmehr meine Angst um Mira sei, die in mir dieses Gefühl auslöste. Die Antwort kam schnell. Sie wählte eine liebe Freundin aus, die ebenfalls mit Tieren kommuniziert. Mit dieser wollte sie sprechen und mit niemand anderem. Ich bat also Melina, sich mit Mira zu unterhalten.

Ich weiß noch, dass es Freitagabend war als Melina mir eine Nachricht sprach, in der sie sehr offen war (worum ich sie auch gebeten hatte). Zusammengefasst: Miras sehnlichster Wunsch war es, diesen Körper nun verlassen zu dürfen. Sie berichtete von Schmerzen in den Hinterbeinen (davon hatte ich Melina nichts erzählt) und im rechten Vorderbein bis zur Schulter hinauf. Außerdem habe sie Bauchschmerzen. Auf die Frage, warum sie sich so oft verletzte (ständig waren irgendwo offene Schrammen), erzählte Mira, dass ihre Seele schon immer, nun aber sehr intensiv auf Wanderschaft zwischen den Welten gehe. Sie mache Pläne, was sie ohne diesen Körper tun wolle. Sie war überzeugt davon, dass sie mich nun hier auf der Erde allein lassen könne und irgendwann käme sie ohnehin zu mir zurück.

Beim Hören dieser Nachricht bin ich direkt in Tränen ausgebrochen. Meine Gefühl hatte sich bestätigt. Ich sprach mit zwei weiteren Freundinnen über diese Ereignisse und auch in ihnen sträubte sich nichts, wenn sie in Miras Wunsch hineinfühlten.

Von da an fuhren meine Gedanken Karussell. Ich fragte meine Geistführer, ob Mira allein ihren Körper verlassen könne, bekam aber ein relativ klares Nein. Dennoch betete ich jeden Tag dafür, dass sie einfach einschlafen würde, wenn es doch ihr sehnlichster Wunsch war. Ich ließ Melina noch weitere Male nachfragen, denn oft ändern Tiere ihre Meinung. Fragt man mich bei einem schweren Migräneschub, würde ich auch die Pistole wählen. Mira jedoch blieb klar und meine Freundin bestätigte mir, dass sie noch nie so eine Eindeutigkeit empfunden habe.

Ich ließ den Tierarzt kommen. Ich brauchte eine Aussage aus der wissenschaftlich nachgewiesenen und rationalen Welt. Er stimmte mir zu, dass dieses Pferd eindeutig Schmerzen habe und dass er nicht wisse, ob man sie mit Medikamenten so schmerzfrei bekäme, dass sie zumindest noch eine gute Zeit auf der Weide haben könne. Dafür seien einige Tests nötig. Er würde jedoch auch der Euthanasie zustimmen, wenn ich diese Entscheidung träfe.

Ich wollte gerade den Tests zustimmen, da klingelte das Handy des Tierarztes und er entfernte sich. Mira stand vor mir, blickte mich an und kroch fast in mich hinein. Wer sie kennt, der weiß, wie unangenehm ihr Berührungen waren. Ein solcher stiller und naher Moment war die absolute Seltenheit. Ich verstand, ich nickte.

Als der Tierarzt das Telefonat beendete, teilte ich ihm mit, dass meine Entscheidung stehe. Er erkklärte mir kurz das Vorgehen und wir verabredeten einen Termin am Sonntagabend. Das war am Mittwoch.

Täglich ging ich nun zu Mira, beobachtete sie und haderte mit mir, meiner Entscheidung und allem, was ich bisher für meine Überzeugung gehalten hatte. Konnte ich wirklich aufgrund der Tierkommunikation ein Pferd einschläfern lassen? Musste nicht genau ich die Möglichkeiten besitzen, um Mira zu heilen? War es nicht viel besser, wenn sie von selbst gehen könnte?

Wenn ich in mich hineinhörte, bekam ich von Mira stets die gleichen Aussagen. Sie wollte endlich frei sein. Freiheit war ohnehin ein großes Thema für sie, aber Details würden hier den Rahmen sprengen. Noch einmal fragte ich sie, ob sie nicht besser allein gehen wolle, jetzt wo ich sie wirklich losgelassen hatte. Ihre Antwort: „Dann würdest du ja nicht so daran wachsen, wie du es jetzt tust.“

Ich wusste, dass sie recht hatte, dennoch zehrten meine Zweifel weiter an mir. Was dachten wohl alle anderen im Stall von mir? Was der Tierarzt? Vielleicht wollte ich ja auch nur, dass Mira ging, weil ich so wenig Verbesserung in den vergangenen Monaten gesehen hatte?

Der Sonntag war ein tränenreicher Tag. Am Vormittag verabschiedeten mein Mann und mein Sohn unser Pferd. Mira schien an diesem Tag besonders aktiv und so gar nicht „todkrank“. Erneut mein Hadern. Konnte sie nicht wenigsten etwas leidender aussehen? Ihre Antwort kam ungefragt: „Ich freue mich, dass ich diesen Körper endlich zurücklassen darf.“

Am Abend war ich natürlich nervös. Zumal Mira, wenn alle Pferde drin waren, eigentilch nicht mehr mit mir aus ihrer Box und schon gar nicht aus dem Paddock rausging. Doch dieses Mal kam sie sofort zu mir, ließ sich aufhalftern. Ich streichelte ihr übers Fell. „Bist du bereit?“, fragte ich leise und als Antwort lief sie einfach los. „Ich eigentlich noch nicht“, flüsterte ich.

Ich war ihr dankbar für die Wahl des Tierarztes. Er hat das so wundervoll wertschätzend und liebevoll gemacht, wie nur möglich. Irgendwann lag nur noch ihr Körper dort und ich spürte sehr stark, als nur noch die Hülle übrig war. Das war der Moment, als meine Tränen verebbten.

Doch Mira wäre nicht Mira gewesen, wenn ihre Lehrstunden nicht auch nach ihrem Tod weitergegangen wären. Eine Freundin, die sie und mich begleitet hatte am Sonntagabend, berichtete, wie sie nachts immer wieder wach geworden sei und ein Gefühl von Dankbarkeit verspürt habe. Andere Freundinnen, die der Tierkommunikation mächtig sind, berichteten von einem Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit. Und ich?

Interessanterweise ist Mira seither noch präsenter bei mir als zuvor. Es scheint, als stünde ich in einem fortwährenden Dialog mit ihr. Zum ersten Mal wurde mir klar, welche wunderbare Möglichkeit die Tierkommunikation mit sich bringt: Unabhängig davon, welche Reisen und Abenteuer Miras Seele gerade erlebt und ob sie bereits wieder reinkarniert ist, sie ist gleichzeitig weiterhin bei mir und für mich da. Und, so kommt es mir vor, ohne diesen leidenden und von Fohlen an traumatisierten Körper, scheint sie sich geradezu zu überschlagen vor Mitteilungsbedürfnis. Ständig hat sie einen klugen Spruch auf Lager, wenn ich mal wieder hadere oder eine Entscheidung ansteht.

Besondere Bauchschmerzen bereitete mir vor allem ein Gefühl, das mich nach ihrem Tod beschlich: Erleichterung. Was für ein Unmensch bin ich nur? Ich liebte mein Pferd doch über alles?! Ja, das tat ich und ich vermisse sie unendlich. Gleichzeitig war ich vor allem in den vergangenen 1,5 Jahren in stetiger Sorge um sie.

Nun spüre ich eine tiefe Sehnsucht in mir. Ich wünsche mir ein Pferd, das es genießen kann, wenn ich es berühre. Ich würde gern mal wieder ausreiten und die Seele baumen lassen. Sich diese Gefühle zuzugestehen, ist noch immer eine Herausforderung. Trotzdem denke ich, dass sie durchaus ligitim sind.

Was Mira mich noch gelehrt hat, ist der Umgang mit Heilung. Stets war ich der Überzeugung, dass ich sie ihre 15 bescheidenen Jahre bevor sie zu mir kam, vergessen lassen konnte. Dass ich ihre Traumatas auflösen könne und sie zu einem vertrauensvollen Pferd werden würde. Wir haben gemeinsam viel erreicht. Wir haben viele Themen bearbeitet. Doch meine Vorstellung von Heilung war nicht die von Mira. Heilung für andere bedeutet, dass ich meine eigenen Erwartungen und Wünsche zurückstellen muss. Alles andere wäre egoistisch.

Egoismus ist allerdings gleichsam in Ordnung. In unserer Gesellschaft ist Tod ein Tabuthema. Wir trauern und das möglichst lang und ausgiebig. Das ist total okay. Es ist ja auch traurig, dass wir jemanden hergeben müssen. Doch warum feiern andere Kulturen, wenn jemand stirbt? Weil dort der Glaube herrscht, dass nun etwas Wunderbares auf die Seele wartet. Ich teile diese Überzeugung! Und deswegen arbeite ich an mir, mich nicht länger zu wundern, dass Miras Tod sich für mich so richtig anfühlt. Ich trauere um meine gemeinsame Zeit mit ihr. Sie fehlt mir. Ihr hingegen, das ist mein fester Glaube, geht es gerade einfach wunderbar.

Ich danke dir Mira. Du hast mich so viele Dinge gelehrt. Bis zu deinem letzten Atemzug in diese Leben und darüber hinaus. Ich wollte dir Heilung schenken und ich hoffe, es ist mir ein stückweit gelungen. Eines ist sicher: Du hast mir Heilung gebracht. Ich bin einen Schritt weiter in der Erkenntnis, wer ich selbst bin und wo meine Potenziale liegen. Dank dir habe ich an Stärke, Urvertrauen und Leichtigkeit gewonnen.

Ich freue mich, wenn wir uns irgendwann wiedersehen. ❤

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